Die Zukunft von Hongkong sieht man in Shenzhen.

Die Proteste in Hongkong sind seit Wochen in den Medien. Nach ein paar Tagen relativer Ruhe sind sie gerade erst am vergangenen Wochenende wieder aufgeflammt— mit Wasserwerfern und Tränengas. In der Folge wird die Frage immer lauter, wann und wie Peking darauf reagieren wird?

Die chinesische Regierung spielt aktuell sicher intensiv verschiedenste Szenarien durch, um die Krise im eigenen Sinne zu lösen. Dabei dürfte aber gar nicht so sehr Hongkong selbst oder das Bild der Vorgänge bei uns im Mittelpunkt stehen, sondern vor allem die eigene Bevölkerung. Denn das wichtigste Ziel der Zentralregierung wird es sein, ein Übergreifen der Proteste auf das Festland zu verhindern.

Dazu versuchte Peking zu Beginn der Krise alle entsprechenden Berichte zu zensieren. Doch als man merkte, dass dieser Ansatz nicht dauerhaft funktionierte, änderte man die Taktik. Seit dem finden sich auf allen Medien permanent Berichte, die die Protestbewegung als eine Gruppe zeigt, die unter Einfluß aus dem Ausland stehend Gewalt und Chaos über die Stadt bringt. Dazu nutzt man nicht nur Staatsmedien, sondern auch intensiv westliche Social Media Dienste wie Twitter oder Facebook.

So schürte die Regierung unter der eigenen Bevölkerung ganz bewusst Ressentiments gegen die vermeintlich undankbaren Hongkong-Chinesen. Dem folgend, äußern sich seit Tagen viele chinesische Bürger und Prominente online gegen die Demonstranten und unterstützen in Beiträgen die lokale Polizei (#supportHKPolice) — wie zum Beispiel diese Band aus Sichuan:

Kurzfristig scheint dieses Vorgehen zu funktionieren. Man kann aber davon ausgehen, dass man parallel in Peking auch über eine langfristige Lösung nachdenkt und dabei jede Militäraktion gern vermeiden würde.

Wenn man wissen will, was hier eventuell geplant wird, braucht man einfach nur über die Grenze schauen — nach Shenzhen.

Das Gebiet, wo Shenzhen heute liegt, war vor ein paar Jahrzehnten nur eine Ansammlung kleiner Fischerdörfer. Aufgrund der Nähe zur wirtschaftlich erfolgreichen Kronkolonie startete man hier eine der ersten Sonderwirtschaftszonen: quasi als Experiment wurde 1979 Shenzhen als Stadt neu gegründet und bekam viele Freiheiten und Möglichkeiten, die andere Regionen erst viel später bekommen sollten.

Das Experiment gelang und Shenzhen hat sich inzwischen zu einer weltweit führenden High-Tech Metropole entwickelt, deren Wirtschaftskraft seit 2018 die von Hongkong übertrifft. In einer aktuellen Bloomberg Dokumentation wurde Shenzhen die “faszinierendste Stadt der Welt” genannt:

Shenzhen wird also durchaus zu Recht von vielen heute als das neue Silicon Valley angesehen — ein Ort, wo der öffentliche Nahverkehr fast komplett elektrisch unterwegs ist (u.a. kaufte die Stadt in Rekordzeit 16.359 Elektrobusse), der Sitz von Marktführern wie Huawei und Tencent, aber auch DJI oder BYD, sowie von vielen Startups, die vermutlich bald globale Trends bestimmen und wo bereits heute fast alle unsere Gadgets gebaut werden.

Die Stadt ist also schon jetzt sehr beeindruckend. Doch letzte Woche veröffentliche der Staatsrat der Volksrepublik einen Plan wonach Shenzhen nun wieder eine Sonderrolle bekommen wird: sie soll noch attraktiver für Fachkräfte aus aller Welt werden, Unternehmen mehr Rechtssicherheit bieten, als der Rest des Landes und so etwas entstehen lassen, was die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua eine Modellstadt für den “Sozialismus mit chinesischer Prägung” nennt.

Diesen darf man allerdings nicht mit dem realexistierenden Sozialismus unserer Vergangenheit verwechseln, denn er kommt mit einem beschleunigten Ausbau von 5G Netzwerken und soll zum globalen Benchmark für Innovation, öffentliche Dienstleistungen und Umweltschutz werden.

Was hat dies alles mit Hongkong zu tun?

Man kann die Pläne, deren Veröffentlichungszeitpunkt sicher kein Zufall war, so interpretieren, dass Shenzhen ein zweites Hongkong werden soll. Nicht länger nur ein Hub für High-Tech, sondern für alle Arten von Geschäften und in direktem Wettbwerb zum rebellischen Nachbarn, allerdings auf der “richtigen” Seite von “einem Land, zwei Systeme”.

Unabhängig davon arbeitet man schon seit längerem an Plänen alle Städte am Perlflussdelta zu einer grossen Megastadt zu vereinen— dem Greater Bay Area (ein Name, der die Ambitionen deutlich macht: größer als die andere Bay Area). Von Macau über Hongkong/Shenzhen bis Guangzhou soll so eine Megastadt mit über 70 Millionen Einwohner entstehen.

Auf diese Weise wird Hongkong langsam, aber sicher an Bedeutung verlieren, zunächst durch die neue Rolle von Shenzhen und später eventuell durch das Aufgehen in einer neuen Megalopolis, die die einzelnen Städte verschwinden lässt.

Aus Sicht Pekings sicher eine sehr bequeme, langfristige Lösung für die aktuellen Probleme und sehr viel eleganter als ein blutiger Einsatz der Bewaffenten Volkspolizei

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