China und der Westen  -  eine Geschichte asymmetrischer Ignoranz.

Wer Digitalunternehmen in China besucht, dem werden schnell zwei Dinge klar: erstens sind viele dieser Firmen uns im Westen weit voraus und zweitens ist kaum jemandem hier das so richtig bewusst. Wir sehen China nach wie vor als aufstrebendes Entwicklungsland, das irgendwo zwischen Werkbank und Kopiermaschine steckt. Wer “wirklich Geld” verdienen will, muss immer noch zu uns kommen — in die sogenannten Kernmärkte, wie USA oder EU.

Wie überholt diese Ansicht inzwischen ist, kann man mit einer Zahl belegen: 27,7 Mrd Euro (bzw. 213.5 Mrd. RMB¥). Soviel Umsatz hat der weltweit größte E-Commerce-Konzern an einem einzigen Tag gemacht. Nein, nicht Amazon am Black Friday, sondern Alibaba am 11.11., dem Singles Day — dem wichtigsten Shopping-Tag Chinas. An diesem einen Tag machte Alibaba so viel Umsatz wie alle US-Onlinehändler im Vorweihnachtsgeschäft zusammen.

DANIEL ZHANG, CEO DER ALIBABA GROUP AM 11.11.2018 (FOTO:    ALIBABA   )

DANIEL ZHANG, CEO DER ALIBABA GROUP AM 11.11.2018 (FOTO: ALIBABA)

Chinesische Unternehmen sind längst dort aktiv, wo man “wirklich Geld” verdienen kann — nämlich in ihrem Heimatmarkt. Eine Tatsache, die uns aber immer noch zu wenig bewusst ist. Das Interessante dabei: diese Unkenntnis ist weitgehend einseitig.

Denn während wir praktisch nichts von China wissen, studiert man dort den Westen sehr genau. Das aber nicht nur in Unternehmen, sondern auf allen Ebenen der Gesellschaft: von Partei, über Lokalregierungen und Firmen bis zu vielen einzelnen Bürgern. Alle haben dabei das gleiche Ziel: lernen — und stehen damit im krassen Gegensatz zu der Ignoranz und dem allgemeinen Desinteresse, welches hierzulande das Denken oft beherrscht.

Die daraus resultierende asymmetrische Unwissenheit wird durch die Sprachbarriere noch verstärkt: Wo hier im Westen etwa Forschungsergebnisse zum Thema Künstliche Intelligenz meist in Sprachen publiziert werden, die auch viele Chinesen lesen können, kann kaum ein westlicher Experte ähnliche Veröffentlichungen in chinesischer Sprache verstehen. Deshalb wissen wir oft nicht mal, was wir nicht wissen!

Das Problem geht aber weit über Wirtschaftsthemen hinaus und ist sehr viel grundsätzlicher, wie mir selbst gerade erst auf meiner letzten China-Reise wieder bewusst wurde.

Vor gut zwei Wochen war ich in Chengdu — einer über 2.000 Jahre alten Stadt im Westen Chinas. Hier fand Ende Juli im Rahmen des World Cities Culture Forums (WCCF) und ausgerichtet von der Stadtverwaltung von Chengdu das 2. Tianfu Symposium statt. Unter dem Titel “Harnessing the power of culture in building world city identity” sprachen zwei Tage rund 400 Experten aus aller Welt sprachen über Stadtentwicklung, Kultur und Innovation.

Zum Rahmenprogramm gehörte auch ein Besuch von Eastern Suburb Memory, einem ehemaligen Radio- & Fernsehwerk aus den 50´er Jahren, das inzwischen zu einem Kulturpark umgebaut wurde — mit Bars und Restaurants, sowie einer ganzen Reihe von Gebäuden für Konzerte und temporäre Ausstellungen.

Bis Ende Oktober kann man sich dort zum Beispiel “GameOn” anschauen: eine Computerspiel-Ausstellung, die von Pong über C64 und Playstation 1,2,3 und 4 bis hin zu aktuellen DJI Drohnen, die Entwicklung der Branche über die Jahre erlebbar macht.

Ein Haus weiter befindet sich eine Kunst-Ausstellung, zur Zeit mit Werken von Leonardo da Vinci: Gemälde — Manuskripte — Erfindungen. Auch diese ist modern und sehr interaktiv angelegt. So kann man sich zum Beispiel mit Hilfe von VR-Brillen in Leonardos Werkstatt umsehen und einzelne Erfindungen im virtuellen Raum direkt ausprobieren.

Die Ausstellung war nicht nur gut gemacht, sondern auch gut besucht: selbst am Ende eines normalen Arbeitstages waren viele junge Leute und Familien mit Kindern dort, für die es ganz normal zu sein schien, sich abends vor ein paar Drinks oder nach dem Abendessen westliche Kunst anzuschauen.

Meine chinesische Begleiterin hatte die Ausstellung vorher noch nicht besucht, war aber trotzdem mit den Arbeiten Leonardos recht vertraut, was ich bemerkte, als wir über das Abendmahl sprachen. Sie hatte auch das Buch “DaVinci Code / Sakrileg” von Dan Brown gelesen, in dem das Gemälde eine zentrale Rolle spielt. In China ist es offensichtlich für viele selbstverständlich, ein breites Wissen über westliche Kultur zu besitzen: Von den Künstlern der Renaissance über Dan Brown bis hin zu Computerspielen.

Neben Leonardo da Vinci konnte man sich auch eine Reihe von Werken chinesischer Künstler ansehen — u.a. von Zhang Daqian, einem der renommiertesten chinesischen Maler des 20. Jahrhunderts und während wir uns darüber unterhielten, wurde mir plötzlich etwas bewusst: Chengdu ist über 2.000 Jahre alt, China selbst hat eine bis zu 5.000 Jahre alte Geschichte. Eine lange Zeit, in der viele Künstler sehr viel Kunst erschaffen konnten und einige davon vielleicht durchaus auf dem Niveau von Leonardo da Vinci — allerdings: ich selbst kenne nichts davon! Ich kenne keinen einzigen historischen chinesischen Künstler. Und ich vermute, Ihnen als Leser dieses Textes geht es gerade ganz ähnlich, oder?

Während viele Chinesen sehr viel über die westliche Kultur der letzten 500 Jahre wissen, haben wir von 5.000 Jahren chinesischer Geschichte keine Ahnung. Vielen von uns ist vermutlich noch nicht einmal bewusst, wie alt die chinesische Kultur wirklich ist und dass China gemeinsam mit Indien immer die führende (Wirtschafts-) Macht auf dem Globus war — von den letzten 200 Jahren einmal abgesehen:

Dieser Führungsrolle war man sich in China vor 200 Jahren durchaus bewusst, als die ersten Europäer vor der heimischen Küste auftauchten. Im sicheren Gefühl der eigenen Überlegenheit schickte man sie deshalb gleich wieder nach Hause. Was sollten die Fremden schon haben, was man selbst nicht schon längst hatte? Denn dort gab es viele Dinge teilweise tausende Jahre früher als in Europa, darunter die 4 großen Erfindungen des alten China: das Papier, die Druckkunst, der Magnetkompass und das Schwarzpulver— nur hatten wir halt Gewehre erfunden…

Jedes Schulkind in China weiss heute wie die Geschichte ausging und kennt die Folge der damaligen Ignoranz: einen plötzliche Absturz in die Bedeutungslosigkeit, weil man sich auf eine vermeintliche Überlegenheit verlassen hatte und zu wenig wusste, was um einen herum in der Welt passierte. 

Heute spürt man in China, dass alle extrem bemüht sind diesen Fehler nicht noch einmal zu machen und dies ist sicher ein Grund dafür, wieso sich so viele Chinesen auch ganz persönlich dafür interessieren, was im Ausland passiert — auf allen Ebenen: kulturell genauso wie technisch und wirtschaftlich.

Wir auf der anderen Seite müssen aufpassen den historischen Fehler der Chinesen nicht selbst zu wiederholen, sollten die eigene (ebenfalls oft nur gefühlte) Überlegenheit ablegen und anfangen, ebenfalls zu lernen — sicher nicht kritiklos, aber unvoreingenommen…