Digital Trends in China, die die Welt 2019 im Blick haben muss!

Es sind Fragen, die auch über China hinaus bedeutend sind: Wer prägt die chinesische Tech-Branche in diesem Jahr? Welche Trends bestimmen das dortige Internet? Antworten darauf finden sich im jährlich erscheinenden China Internet Report, den die“SouthChina Morning Post”(SCMP)u nd deren Online-Ableger “AbacusNews” gerade aktuell veröffentlicht haben.

Die SCMP hat ihren Sitz in Hong Kong, gehört der Alibaba Group und gilt als relativ unabhängig von politischen Einflüssen. Die Autoren des Reports sehen für das laufende Jahr vor allem vier Themen, die auch aus deutscher und europäischer Perspektive wichtig sind.

1. Chinas ‘Copycat’ Industrie wird jetzt selbst kopiert.

Während westliche Internet-Giganten wie Facebook, Amazon und Google ihren Markt beinahe wie Monopolisten beherrschen und dadurch zunehmend andere Sorgen haben, als neue Ideen zu realisieren, herrscht in China nach wie vor starker Wettbewerb. In der Folge sind chinesische Firmen gezwungen, ständig neue Ansätze und Ideen auszuprobieren — Ideen, die inzwischen auch im Westen auf Interesse stoßen: zum Beispiel hätte Facebook ebenfalls gern eine Super-App wie WeChat. Die Möglichkeit, aus Inhalten auf sozialen Medien heraus schnell und einfach etwas kaufen zu können, in China schon lange Standard, würde auch hier an vielen Stellen Sinn machen. Und plötzlich tauchen bei uns überall extrakurze Videos auf — die bisher vor allem den chinesischen Dienst TikTok groß gemacht haben.

Dies sind nur drei Beispiele fürStrategien, die in China erfolgreich sind und bei denen es sich lohnen könnte, sie auch im Westen auszuprobieren. Dabei könnten allerdings die oft langfristig gedachten chinesischen Konzepte schnell mit der eher rein auf Umsatzwachstum ausgerichtetenDenke westlicher Unternehmen kollidieren.WeChat macht zum Beispiel den größtenTeil seines Umsatzes mit Services, die sie für ihre User erbringen, welche damit auch klar die Kunden von WeChat sind — mit entsprechenden Anforderungen an Kundendialog und-service.Bei Facebook ist dies anders: hier wird das Geld allein mit Werbung verdient. Die User sind dabei vor allem Mittel zum Zweck, um Umsatz zu generieren. Es ist fraglich, ob man mit diesem Ansatz ein Geschäftsmodell, wie das von WeChat kopieren kann.

Fazit: Früher haben chinesische Firmen Ideen aus dem Westen kopiert, heute ist es immer häufiger anders rum. Wer dabei erfolgreich sein will, muss sich nicht nur auf neue chinesische Konzepte, sondern auch auf die dazugehörigen Denkweisen und Geschäftsmodelle einlassen.

2. China baut Vorsprung beim 5G Mobilfunk massiv aus.

5G in Deutschland und China — das sind zwei verschiedene Welten.Hierzulande müssen Mobilfunkunternehmen nach der Auktion der 5G Frequenzen 6 Mrd Euro an den Staat zahlen — ein Betrag, der einerseits für die nun nötigen Investitionen fehlt. Andererseits sorgt dies aber vermutlich dafür, dass die Regulierung eher unternehmes- statt kundenfreundlich ausfällt und wir bei 5G eine ähnliche Situation, wie schon heute bei 3G erleben werden: eine Kombination aus hohen Preisen und schlechter Versorgung. Denn ein Staat der erstmal abkassiert, kann nicht im nächsten Schritt schnelle Einführung, niedrige Preise oder guten Service vorschreiben.

Ganz anders in China, wo man vom Start weg eine ganz andere Dynamik sieht. Dort wurden die ersten kommerziellen Lizenzen für 5G im Juni erteilt. Bis Ende des Jahres sollen die bereits 200.000 5G Basisstationen online sein. Ziel ist es,in rund einem Dutzend Metropolregionen so schnell wie möglich 5G Pilotprojekte zu starten — Anzahl der Personen, die potenziell 5G in diesen Regionen dann testen können? 167 Millionen!

Möglich wird dies nicht zuletzt dadurch, dass der Staat den 5G-Ausbau auch finanziell fördert. In der Folge wird man dort sehr früh wertvolles Know How sammeln können, was den Vorsprung von Unternehmen wie Huawei nochmal deutlich vergrößern dürfte.

Fazit: Während der Staat hierzulande mit 5G erstmal Kasse macht, treibt die chinesische Regierung den Ausbau aktiv voran und sorgt dafür, dass sich der technische Vorsprung noch weiter vergrößert.

3. China setzt bei KI neue Maßstäbe.

Auch im Bereich Künstliche Intelligenz(KI)besitzt China einen erheblichen Vorsprung. Ein Grund dafür ist die schiere Masse an Daten, die chinesischen Unternehmen zur Verfügung steht.

Diese resultiert erstens daraus, dass aufgrund der Größe der Bevölkerung viele Dienste einfach sehr viel öfter und von mehr Menschen genutzt werden. Zweitens stellt auch der Staat oft große Datenmengen zur Verfügung — meistens nicht ganz uneigennützig, weil staatliche Stellen die sich daraus ergebenden Möglichkeiten selbst nutzen wollen. Drittens denken viele chinesische Firmen auch häufig weiter voraus, gehen das Sammeln von Daten strategischer an und finden so teilweise überraschende Nutzungsmöglichkeiten.

Im chinesischen Alltag lässt sich der Fortschritt beobachten:

  • Gesichtserkennung öffnet Türen in Hotels, sorgt dafür, dass man zum Flugzeug findet (Video unten.) und ersetzt (noch testweise) die Boardingkarte beim Einstieg.

  • Das E-Commerce Unternehmen Alibaba nutzt die Verkehrsdaten aus Tausenden von Auslieferungsfahrzeugen in Verbindung mit KI, um damit lokale Stadtregierungen die Routen von Krankenwagen besser planen zu lassen. Am Hauptsitz von Alibaba in Hangzhou konnte so die Anfahrtszeit zu Unfällen im Schnitt um die Hälfte verkürzt werden.

  • Besonders intensiv wird KI allerdings auch für die staatlichen Überwachung genutzt — in Verbindung mit der großen Anzahl von Kameras, die weite Bereiche des täglichen Lebens permanent im Blick haben. Eine bedrückende Vorstellung für uns im Westen, die aber durchaus auch Erfolge hat:so nutzt man dieses System auch, um lange verschwundene Kinder per Gesichtserkennung wiederzufinden, in dem man das heutige Aussehen mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz errechnet.

FAZIT: KI steht in einem gewaltigen Spannungsfeld. Wie praktisch jede Innovation bringt auch sie sowohl Vor-als auch Nachteile. Doch wo wir uns oft und nicht ohne Grund auf die Nachteile fokussieren, sehen Chinesen vor allem die Vorteile. Welcher Ansatz hier sinnvoller und weniger naiv ist, kann man heute sicherlich noch nicht final entscheiden.

4. Der Social Score wird langsam Realität

Im Westen glauben viele es gäbe in China bereits heute ein all-umfassendes Social Scoring-System, mit dem der Staat jeden Bürger direkt steuern kann. Doch die Realität sieht etwas anders aus.

Den Anfang machte ein Regierungsdokument aus dem Jahr 2014, das den Aufbau eines Systems vorschlägt, welches für jedes Unternehmen und jeden Bürger gutes wie schlechtes soziales Verhalten mit Punkten bewertet, um so einen persönlichen Social Score zu ermitteln.

Offizielles Ziel: Den vertrauensvollen Umgang innerhalb der Gesellschaft stärken. Wo auch kleineres Fehlverhalten unterhalb der Strafbarkeit geahndet wird, haben in der chinesischen Logik alle einen Grund, sich vertrauenswürdig zu verhalten. Wer die chinesische Geschichte, Gesellschaft und das dortige Denken kennt, weiß, dass dieser Ansatz dort durchaus Anhänger findet.

Wir dagegen sehen auch hier eher die Gefahren, denn in derPraxis kann einautoritäres Regierungssystem ein solches System natürlich mißbrauchen, um die eigene Macht zu festigen und Kritiker kalt zu stellen. Fraglich ist auch, ob Parteikader in gleicher Weise wie einfache Bürgern bewertet werden.

Doch bis dahin wird es noch etwas dauern. Denn aktuell gibt es nur Vorläufer zu einem solchen nationalen System:

  • Schwarze Listen, auf denen man landet, wenn man etwa Gerichtsbeschlüsse ignoriert oder seine Schulden nicht zahlt. Wer auf so einer Liste steht, kann zum Beispiel keine Ticket für Flüge oder schnelle Züge kaufen. Dieses System gibt es schon länger und hat mit dem Thema“SocialScore” eigentlich wenig zu tun.

  • Private Scoring Systeme, wie der Sesame Score von Ant Financial, der zeigt, ob jemand sich im Wirtschaftsleben vertrauenswürdig verhält — Rechnungen pünktlich zahlt, Mietwagen korrekt zurück bringt und ähnliches. Wer dies tut und einen hohen Score hat, geniesst verschiedene Vorteile, etwa die Möglichkeit Autos ohne Kaution mieten zu können.

  • Viele kleinere staatliche Initiativen auf lokaler Ebene, die bereits Ansätze das angedachten nationalen Systems erproben, aber von der Bevölkerung vielfach noch ignoriert werden.

Fazit: Einen national einheitlichen“SocialScore” gibt es aktuell noch nicht. Aber die Entwicklung daran wird vorangetrieben, teilweise durchaus mit Unterstützung breiter Teile der Bevölkerung. Wie das System genau aussieht und welche Bedeutung es für den einzelnen Bürger haben wird, kann man heute noch nicht sagen.

Die vier Trends zeigen eindrucksvoll, dass China mit hoher Geschwindigkeit an praktisch allen aktuellen Themen der Digitalisierung gleichzeitig arbeitet und dabei auch schnell voran kommt.

Dabei gäbe es an vielen Stellen durchaus gute Gründe für ein wenig konservativeres Denken — konservativ im Sinne von Lord Salisbury, dem englischen Premierminister im späten 19. Jahrhundert, der der Meinung war, es ginge nicht darum Veränderungen zu verhindern, sondern sie so zu verlangsamen, bis sie harmlos geworden sind.