Die Zukunft von Hongkong sieht man in Shenzhen.

Die Proteste in Hongkong sind seit Wochen in den Medien. Nach ein paar Tagen relativer Ruhe sind sie gerade erst am vergangenen Wochenende wieder aufgeflammt— mit Wasserwerfern und Tränengas. In der Folge wird die Frage immer lauter, wann und wie Peking darauf reagieren wird?

Die chinesische Regierung spielt aktuell sicher intensiv verschiedenste Szenarien durch, um die Krise im eigenen Sinne zu lösen. Dabei dürfte aber gar nicht so sehr Hongkong selbst oder das Bild der Vorgänge bei uns im Mittelpunkt stehen, sondern vor allem die eigene Bevölkerung. Denn das wichtigste Ziel der Zentralregierung wird es sein, ein Übergreifen der Proteste auf das Festland zu verhindern.

Dazu versuchte Peking zu Beginn der Krise alle entsprechenden Berichte zu zensieren. Doch als man merkte, dass dieser Ansatz nicht dauerhaft funktionierte, änderte man die Taktik. Seit dem finden sich auf allen Medien permanent Berichte, die die Protestbewegung als eine Gruppe zeigt, die unter Einfluß aus dem Ausland stehend Gewalt und Chaos über die Stadt bringt. Dazu nutzt man nicht nur Staatsmedien, sondern auch intensiv westliche Social Media Dienste wie Twitter oder Facebook.

So schürte die Regierung unter der eigenen Bevölkerung ganz bewusst Ressentiments gegen die vermeintlich undankbaren Hongkong-Chinesen. Dem folgend, äußern sich seit Tagen viele chinesische Bürger und Prominente online gegen die Demonstranten und unterstützen in Beiträgen die lokale Polizei (#supportHKPolice) — wie zum Beispiel diese Band aus Sichuan:

Kurzfristig scheint dieses Vorgehen zu funktionieren. Man kann aber davon ausgehen, dass man parallel in Peking auch über eine langfristige Lösung nachdenkt und dabei jede Militäraktion gern vermeiden würde.

Wenn man wissen will, was hier eventuell geplant wird, braucht man einfach nur über die Grenze schauen — nach Shenzhen.

Das Gebiet, wo Shenzhen heute liegt, war vor ein paar Jahrzehnten nur eine Ansammlung kleiner Fischerdörfer. Aufgrund der Nähe zur wirtschaftlich erfolgreichen Kronkolonie startete man hier eine der ersten Sonderwirtschaftszonen: quasi als Experiment wurde 1979 Shenzhen als Stadt neu gegründet und bekam viele Freiheiten und Möglichkeiten, die andere Regionen erst viel später bekommen sollten.

Das Experiment gelang und Shenzhen hat sich inzwischen zu einer weltweit führenden High-Tech Metropole entwickelt, deren Wirtschaftskraft seit 2018 die von Hongkong übertrifft. In einer aktuellen Bloomberg Dokumentation wurde Shenzhen die “faszinierendste Stadt der Welt” genannt:

Shenzhen wird also durchaus zu Recht von vielen heute als das neue Silicon Valley angesehen — ein Ort, wo der öffentliche Nahverkehr fast komplett elektrisch unterwegs ist (u.a. kaufte die Stadt in Rekordzeit 16.359 Elektrobusse), der Sitz von Marktführern wie Huawei und Tencent, aber auch DJI oder BYD, sowie von vielen Startups, die vermutlich bald globale Trends bestimmen und wo bereits heute fast alle unsere Gadgets gebaut werden.

Die Stadt ist also schon jetzt sehr beeindruckend. Doch letzte Woche veröffentliche der Staatsrat der Volksrepublik einen Plan wonach Shenzhen nun wieder eine Sonderrolle bekommen wird: sie soll noch attraktiver für Fachkräfte aus aller Welt werden, Unternehmen mehr Rechtssicherheit bieten, als der Rest des Landes und so etwas entstehen lassen, was die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua eine Modellstadt für den “Sozialismus mit chinesischer Prägung” nennt.

Diesen darf man allerdings nicht mit dem realexistierenden Sozialismus unserer Vergangenheit verwechseln, denn er kommt mit einem beschleunigten Ausbau von 5G Netzwerken und soll zum globalen Benchmark für Innovation, öffentliche Dienstleistungen und Umweltschutz werden.

Was hat dies alles mit Hongkong zu tun?

Man kann die Pläne, deren Veröffentlichungszeitpunkt sicher kein Zufall war, so interpretieren, dass Shenzhen ein zweites Hongkong werden soll. Nicht länger nur ein Hub für High-Tech, sondern für alle Arten von Geschäften und in direktem Wettbwerb zum rebellischen Nachbarn, allerdings auf der “richtigen” Seite von “einem Land, zwei Systeme”.

Unabhängig davon arbeitet man schon seit längerem an Plänen alle Städte am Perlflussdelta zu einer grossen Megastadt zu vereinen— dem Greater Bay Area (ein Name, der die Ambitionen deutlich macht: größer als die andere Bay Area). Von Macau über Hongkong/Shenzhen bis Guangzhou soll so eine Megastadt mit über 70 Millionen Einwohner entstehen.

Auf diese Weise wird Hongkong langsam, aber sicher an Bedeutung verlieren, zunächst durch die neue Rolle von Shenzhen und später eventuell durch das Aufgehen in einer neuen Megalopolis, die die einzelnen Städte verschwinden lässt.

Aus Sicht Pekings sicher eine sehr bequeme, langfristige Lösung für die aktuellen Probleme und sehr viel eleganter als ein blutiger Einsatz der Bewaffenten Volkspolizei

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China und der Westen  -  eine Geschichte asymmetrischer Ignoranz.

Wer Digitalunternehmen in China besucht, dem werden schnell zwei Dinge klar: erstens sind viele dieser Firmen uns im Westen weit voraus und zweitens ist kaum jemandem hier das so richtig bewusst. Wir sehen China nach wie vor als aufstrebendes Entwicklungsland, das irgendwo zwischen Werkbank und Kopiermaschine steckt. Wer “wirklich Geld” verdienen will, muss immer noch zu uns kommen — in die sogenannten Kernmärkte, wie USA oder EU.

Wie überholt diese Ansicht inzwischen ist, kann man mit einer Zahl belegen: 27,7 Mrd Euro (bzw. 213.5 Mrd. RMB¥). Soviel Umsatz hat der weltweit größte E-Commerce-Konzern an einem einzigen Tag gemacht. Nein, nicht Amazon am Black Friday, sondern Alibaba am 11.11., dem Singles Day — dem wichtigsten Shopping-Tag Chinas. An diesem einen Tag machte Alibaba so viel Umsatz wie alle US-Onlinehändler im Vorweihnachtsgeschäft zusammen.

DANIEL ZHANG, CEO DER ALIBABA GROUP AM 11.11.2018 (FOTO:    ALIBABA   )

DANIEL ZHANG, CEO DER ALIBABA GROUP AM 11.11.2018 (FOTO: ALIBABA)

Chinesische Unternehmen sind längst dort aktiv, wo man “wirklich Geld” verdienen kann — nämlich in ihrem Heimatmarkt. Eine Tatsache, die uns aber immer noch zu wenig bewusst ist. Das Interessante dabei: diese Unkenntnis ist weitgehend einseitig.

Denn während wir praktisch nichts von China wissen, studiert man dort den Westen sehr genau. Das aber nicht nur in Unternehmen, sondern auf allen Ebenen der Gesellschaft: von Partei, über Lokalregierungen und Firmen bis zu vielen einzelnen Bürgern. Alle haben dabei das gleiche Ziel: lernen — und stehen damit im krassen Gegensatz zu der Ignoranz und dem allgemeinen Desinteresse, welches hierzulande das Denken oft beherrscht.

Die daraus resultierende asymmetrische Unwissenheit wird durch die Sprachbarriere noch verstärkt: Wo hier im Westen etwa Forschungsergebnisse zum Thema Künstliche Intelligenz meist in Sprachen publiziert werden, die auch viele Chinesen lesen können, kann kaum ein westlicher Experte ähnliche Veröffentlichungen in chinesischer Sprache verstehen. Deshalb wissen wir oft nicht mal, was wir nicht wissen!

Das Problem geht aber weit über Wirtschaftsthemen hinaus und ist sehr viel grundsätzlicher, wie mir selbst gerade erst auf meiner letzten China-Reise wieder bewusst wurde.

Vor gut zwei Wochen war ich in Chengdu — einer über 2.000 Jahre alten Stadt im Westen Chinas. Hier fand Ende Juli im Rahmen des World Cities Culture Forums (WCCF) und ausgerichtet von der Stadtverwaltung von Chengdu das 2. Tianfu Symposium statt. Unter dem Titel “Harnessing the power of culture in building world city identity” sprachen zwei Tage rund 400 Experten aus aller Welt sprachen über Stadtentwicklung, Kultur und Innovation.

Zum Rahmenprogramm gehörte auch ein Besuch von Eastern Suburb Memory, einem ehemaligen Radio- & Fernsehwerk aus den 50´er Jahren, das inzwischen zu einem Kulturpark umgebaut wurde — mit Bars und Restaurants, sowie einer ganzen Reihe von Gebäuden für Konzerte und temporäre Ausstellungen.

Bis Ende Oktober kann man sich dort zum Beispiel “GameOn” anschauen: eine Computerspiel-Ausstellung, die von Pong über C64 und Playstation 1,2,3 und 4 bis hin zu aktuellen DJI Drohnen, die Entwicklung der Branche über die Jahre erlebbar macht.

Ein Haus weiter befindet sich eine Kunst-Ausstellung, zur Zeit mit Werken von Leonardo da Vinci: Gemälde — Manuskripte — Erfindungen. Auch diese ist modern und sehr interaktiv angelegt. So kann man sich zum Beispiel mit Hilfe von VR-Brillen in Leonardos Werkstatt umsehen und einzelne Erfindungen im virtuellen Raum direkt ausprobieren.

Die Ausstellung war nicht nur gut gemacht, sondern auch gut besucht: selbst am Ende eines normalen Arbeitstages waren viele junge Leute und Familien mit Kindern dort, für die es ganz normal zu sein schien, sich abends vor ein paar Drinks oder nach dem Abendessen westliche Kunst anzuschauen.

Meine chinesische Begleiterin hatte die Ausstellung vorher noch nicht besucht, war aber trotzdem mit den Arbeiten Leonardos recht vertraut, was ich bemerkte, als wir über das Abendmahl sprachen. Sie hatte auch das Buch “DaVinci Code / Sakrileg” von Dan Brown gelesen, in dem das Gemälde eine zentrale Rolle spielt. In China ist es offensichtlich für viele selbstverständlich, ein breites Wissen über westliche Kultur zu besitzen: Von den Künstlern der Renaissance über Dan Brown bis hin zu Computerspielen.

Neben Leonardo da Vinci konnte man sich auch eine Reihe von Werken chinesischer Künstler ansehen — u.a. von Zhang Daqian, einem der renommiertesten chinesischen Maler des 20. Jahrhunderts und während wir uns darüber unterhielten, wurde mir plötzlich etwas bewusst: Chengdu ist über 2.000 Jahre alt, China selbst hat eine bis zu 5.000 Jahre alte Geschichte. Eine lange Zeit, in der viele Künstler sehr viel Kunst erschaffen konnten und einige davon vielleicht durchaus auf dem Niveau von Leonardo da Vinci — allerdings: ich selbst kenne nichts davon! Ich kenne keinen einzigen historischen chinesischen Künstler. Und ich vermute, Ihnen als Leser dieses Textes geht es gerade ganz ähnlich, oder?

Während viele Chinesen sehr viel über die westliche Kultur der letzten 500 Jahre wissen, haben wir von 5.000 Jahren chinesischer Geschichte keine Ahnung. Vielen von uns ist vermutlich noch nicht einmal bewusst, wie alt die chinesische Kultur wirklich ist und dass China gemeinsam mit Indien immer die führende (Wirtschafts-) Macht auf dem Globus war — von den letzten 200 Jahren einmal abgesehen:

Dieser Führungsrolle war man sich in China vor 200 Jahren durchaus bewusst, als die ersten Europäer vor der heimischen Küste auftauchten. Im sicheren Gefühl der eigenen Überlegenheit schickte man sie deshalb gleich wieder nach Hause. Was sollten die Fremden schon haben, was man selbst nicht schon längst hatte? Denn dort gab es viele Dinge teilweise tausende Jahre früher als in Europa, darunter die 4 großen Erfindungen des alten China: das Papier, die Druckkunst, der Magnetkompass und das Schwarzpulver— nur hatten wir halt Gewehre erfunden…

Jedes Schulkind in China weiss heute wie die Geschichte ausging und kennt die Folge der damaligen Ignoranz: einen plötzliche Absturz in die Bedeutungslosigkeit, weil man sich auf eine vermeintliche Überlegenheit verlassen hatte und zu wenig wusste, was um einen herum in der Welt passierte. 

Heute spürt man in China, dass alle extrem bemüht sind diesen Fehler nicht noch einmal zu machen und dies ist sicher ein Grund dafür, wieso sich so viele Chinesen auch ganz persönlich dafür interessieren, was im Ausland passiert — auf allen Ebenen: kulturell genauso wie technisch und wirtschaftlich.

Wir auf der anderen Seite müssen aufpassen den historischen Fehler der Chinesen nicht selbst zu wiederholen, sollten die eigene (ebenfalls oft nur gefühlte) Überlegenheit ablegen und anfangen, ebenfalls zu lernen — sicher nicht kritiklos, aber unvoreingenommen…

Digital Trends in China, die die Welt 2019 im Blick haben muss!

Es sind Fragen, die auch über China hinaus bedeutend sind: Wer prägt die chinesische Tech-Branche in diesem Jahr? Welche Trends bestimmen das dortige Internet? Antworten darauf finden sich im jährlich erscheinenden China Internet Report, den die“SouthChina Morning Post”(SCMP)u nd deren Online-Ableger “AbacusNews” gerade aktuell veröffentlicht haben.

Die SCMP hat ihren Sitz in Hong Kong, gehört der Alibaba Group und gilt als relativ unabhängig von politischen Einflüssen. Die Autoren des Reports sehen für das laufende Jahr vor allem vier Themen, die auch aus deutscher und europäischer Perspektive wichtig sind.

1. Chinas ‘Copycat’ Industrie wird jetzt selbst kopiert.

Während westliche Internet-Giganten wie Facebook, Amazon und Google ihren Markt beinahe wie Monopolisten beherrschen und dadurch zunehmend andere Sorgen haben, als neue Ideen zu realisieren, herrscht in China nach wie vor starker Wettbewerb. In der Folge sind chinesische Firmen gezwungen, ständig neue Ansätze und Ideen auszuprobieren — Ideen, die inzwischen auch im Westen auf Interesse stoßen: zum Beispiel hätte Facebook ebenfalls gern eine Super-App wie WeChat. Die Möglichkeit, aus Inhalten auf sozialen Medien heraus schnell und einfach etwas kaufen zu können, in China schon lange Standard, würde auch hier an vielen Stellen Sinn machen. Und plötzlich tauchen bei uns überall extrakurze Videos auf — die bisher vor allem den chinesischen Dienst TikTok groß gemacht haben.

Dies sind nur drei Beispiele fürStrategien, die in China erfolgreich sind und bei denen es sich lohnen könnte, sie auch im Westen auszuprobieren. Dabei könnten allerdings die oft langfristig gedachten chinesischen Konzepte schnell mit der eher rein auf Umsatzwachstum ausgerichtetenDenke westlicher Unternehmen kollidieren.WeChat macht zum Beispiel den größtenTeil seines Umsatzes mit Services, die sie für ihre User erbringen, welche damit auch klar die Kunden von WeChat sind — mit entsprechenden Anforderungen an Kundendialog und-service.Bei Facebook ist dies anders: hier wird das Geld allein mit Werbung verdient. Die User sind dabei vor allem Mittel zum Zweck, um Umsatz zu generieren. Es ist fraglich, ob man mit diesem Ansatz ein Geschäftsmodell, wie das von WeChat kopieren kann.

Fazit: Früher haben chinesische Firmen Ideen aus dem Westen kopiert, heute ist es immer häufiger anders rum. Wer dabei erfolgreich sein will, muss sich nicht nur auf neue chinesische Konzepte, sondern auch auf die dazugehörigen Denkweisen und Geschäftsmodelle einlassen.

2. China baut Vorsprung beim 5G Mobilfunk massiv aus.

5G in Deutschland und China — das sind zwei verschiedene Welten.Hierzulande müssen Mobilfunkunternehmen nach der Auktion der 5G Frequenzen 6 Mrd Euro an den Staat zahlen — ein Betrag, der einerseits für die nun nötigen Investitionen fehlt. Andererseits sorgt dies aber vermutlich dafür, dass die Regulierung eher unternehmes- statt kundenfreundlich ausfällt und wir bei 5G eine ähnliche Situation, wie schon heute bei 3G erleben werden: eine Kombination aus hohen Preisen und schlechter Versorgung. Denn ein Staat der erstmal abkassiert, kann nicht im nächsten Schritt schnelle Einführung, niedrige Preise oder guten Service vorschreiben.

Ganz anders in China, wo man vom Start weg eine ganz andere Dynamik sieht. Dort wurden die ersten kommerziellen Lizenzen für 5G im Juni erteilt. Bis Ende des Jahres sollen die bereits 200.000 5G Basisstationen online sein. Ziel ist es,in rund einem Dutzend Metropolregionen so schnell wie möglich 5G Pilotprojekte zu starten — Anzahl der Personen, die potenziell 5G in diesen Regionen dann testen können? 167 Millionen!

Möglich wird dies nicht zuletzt dadurch, dass der Staat den 5G-Ausbau auch finanziell fördert. In der Folge wird man dort sehr früh wertvolles Know How sammeln können, was den Vorsprung von Unternehmen wie Huawei nochmal deutlich vergrößern dürfte.

Fazit: Während der Staat hierzulande mit 5G erstmal Kasse macht, treibt die chinesische Regierung den Ausbau aktiv voran und sorgt dafür, dass sich der technische Vorsprung noch weiter vergrößert.

3. China setzt bei KI neue Maßstäbe.

Auch im Bereich Künstliche Intelligenz(KI)besitzt China einen erheblichen Vorsprung. Ein Grund dafür ist die schiere Masse an Daten, die chinesischen Unternehmen zur Verfügung steht.

Diese resultiert erstens daraus, dass aufgrund der Größe der Bevölkerung viele Dienste einfach sehr viel öfter und von mehr Menschen genutzt werden. Zweitens stellt auch der Staat oft große Datenmengen zur Verfügung — meistens nicht ganz uneigennützig, weil staatliche Stellen die sich daraus ergebenden Möglichkeiten selbst nutzen wollen. Drittens denken viele chinesische Firmen auch häufig weiter voraus, gehen das Sammeln von Daten strategischer an und finden so teilweise überraschende Nutzungsmöglichkeiten.

Im chinesischen Alltag lässt sich der Fortschritt beobachten:

  • Gesichtserkennung öffnet Türen in Hotels, sorgt dafür, dass man zum Flugzeug findet (Video unten.) und ersetzt (noch testweise) die Boardingkarte beim Einstieg.

  • Das E-Commerce Unternehmen Alibaba nutzt die Verkehrsdaten aus Tausenden von Auslieferungsfahrzeugen in Verbindung mit KI, um damit lokale Stadtregierungen die Routen von Krankenwagen besser planen zu lassen. Am Hauptsitz von Alibaba in Hangzhou konnte so die Anfahrtszeit zu Unfällen im Schnitt um die Hälfte verkürzt werden.

  • Besonders intensiv wird KI allerdings auch für die staatlichen Überwachung genutzt — in Verbindung mit der großen Anzahl von Kameras, die weite Bereiche des täglichen Lebens permanent im Blick haben. Eine bedrückende Vorstellung für uns im Westen, die aber durchaus auch Erfolge hat:so nutzt man dieses System auch, um lange verschwundene Kinder per Gesichtserkennung wiederzufinden, in dem man das heutige Aussehen mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz errechnet.

FAZIT: KI steht in einem gewaltigen Spannungsfeld. Wie praktisch jede Innovation bringt auch sie sowohl Vor-als auch Nachteile. Doch wo wir uns oft und nicht ohne Grund auf die Nachteile fokussieren, sehen Chinesen vor allem die Vorteile. Welcher Ansatz hier sinnvoller und weniger naiv ist, kann man heute sicherlich noch nicht final entscheiden.

4. Der Social Score wird langsam Realität

Im Westen glauben viele es gäbe in China bereits heute ein all-umfassendes Social Scoring-System, mit dem der Staat jeden Bürger direkt steuern kann. Doch die Realität sieht etwas anders aus.

Den Anfang machte ein Regierungsdokument aus dem Jahr 2014, das den Aufbau eines Systems vorschlägt, welches für jedes Unternehmen und jeden Bürger gutes wie schlechtes soziales Verhalten mit Punkten bewertet, um so einen persönlichen Social Score zu ermitteln.

Offizielles Ziel: Den vertrauensvollen Umgang innerhalb der Gesellschaft stärken. Wo auch kleineres Fehlverhalten unterhalb der Strafbarkeit geahndet wird, haben in der chinesischen Logik alle einen Grund, sich vertrauenswürdig zu verhalten. Wer die chinesische Geschichte, Gesellschaft und das dortige Denken kennt, weiß, dass dieser Ansatz dort durchaus Anhänger findet.

Wir dagegen sehen auch hier eher die Gefahren, denn in derPraxis kann einautoritäres Regierungssystem ein solches System natürlich mißbrauchen, um die eigene Macht zu festigen und Kritiker kalt zu stellen. Fraglich ist auch, ob Parteikader in gleicher Weise wie einfache Bürgern bewertet werden.

Doch bis dahin wird es noch etwas dauern. Denn aktuell gibt es nur Vorläufer zu einem solchen nationalen System:

  • Schwarze Listen, auf denen man landet, wenn man etwa Gerichtsbeschlüsse ignoriert oder seine Schulden nicht zahlt. Wer auf so einer Liste steht, kann zum Beispiel keine Ticket für Flüge oder schnelle Züge kaufen. Dieses System gibt es schon länger und hat mit dem Thema“SocialScore” eigentlich wenig zu tun.

  • Private Scoring Systeme, wie der Sesame Score von Ant Financial, der zeigt, ob jemand sich im Wirtschaftsleben vertrauenswürdig verhält — Rechnungen pünktlich zahlt, Mietwagen korrekt zurück bringt und ähnliches. Wer dies tut und einen hohen Score hat, geniesst verschiedene Vorteile, etwa die Möglichkeit Autos ohne Kaution mieten zu können.

  • Viele kleinere staatliche Initiativen auf lokaler Ebene, die bereits Ansätze das angedachten nationalen Systems erproben, aber von der Bevölkerung vielfach noch ignoriert werden.

Fazit: Einen national einheitlichen“SocialScore” gibt es aktuell noch nicht. Aber die Entwicklung daran wird vorangetrieben, teilweise durchaus mit Unterstützung breiter Teile der Bevölkerung. Wie das System genau aussieht und welche Bedeutung es für den einzelnen Bürger haben wird, kann man heute noch nicht sagen.

Die vier Trends zeigen eindrucksvoll, dass China mit hoher Geschwindigkeit an praktisch allen aktuellen Themen der Digitalisierung gleichzeitig arbeitet und dabei auch schnell voran kommt.

Dabei gäbe es an vielen Stellen durchaus gute Gründe für ein wenig konservativeres Denken — konservativ im Sinne von Lord Salisbury, dem englischen Premierminister im späten 19. Jahrhundert, der der Meinung war, es ginge nicht darum Veränderungen zu verhindern, sondern sie so zu verlangsamen, bis sie harmlos geworden sind.

Deutschland streitet noch über E-Autos, da plant China die nächste Auto-Revolution.

Batterie oder Wasserstoff — was ist die sinnvollere Auto-Technik? Die Antwort findet man in China!

Der Bereich Elektromobilität ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie weit China inzwischen voraus ist: Während wir uns in Deutschland immer noch nicht sicher sind, ob E-Autos überhaupt Sinn machen und unsere Hersteller lieber mit der Politik über Voraussetzungen streiten, werden in China Fakten geschaffen:

  • Seit fast 10 Jahren sind dort viele Zweiräder bereits elektrisch unterwegs, inzwischen rund 30 Millionen. Dadurch sind die Strassen für asiatische Verhältnisse erstaunlich ruhig — teilweise gefährlich ruhig.

  • Während es in den ganzen USA nur 300 Busse mit Elektroantrieb gibt, sind in China bereits 421.000 in Betrieb. Das südchinesische Shenzhen hatte bereits 2017 als erste Stadt weltweit sämtliche 16.000 Busse ausgetauscht. Dieses Jahr waren alle 21.000 Taxis dran.

  • Gleichzeitig testet man auch ganz neue Verkehrskonzepte, etwa eine elektrische Straßenbahn, die ohne Schienen auskommt, weil sie wie ein Bus auf Reifen fährt. Das 32 Meter lange Fahrzeug kann 300 Passagiere aufnehmen und macht es möglich, die geringen Kosten und hohe Flexibilität eines Busses mit der höheren Kapazität eines Zuges zu kombinieren.

Die Geschwindigkeit mit der sich diese Entwicklung vollzieht, ist natürlich zum großen Teil direkte Folge des autoritären politischen Systems. Ebenso die oft unbegrenzt scheinenden finanziellen Mitteln, die der Staat zur Verfügung stellt, sobald ein bestimmter Industriezweig gezielt aufgebaut werden soll. Trotzdem müssen sich westliche Unternehmen an dieser Dynamik messen lassen, wenn sie im Wettbewerb nicht zurück fallen wollen.

Besonders hoch ist der Innovationsdruck im PKW-Bereich, wo in China aktuell hunderte kleinerer und grösserer Startups versuchen, neue vollelektrische Automobil-Marken an den Start zu bringen. Diese brauchen von der initialen Finanzierung über die Entwicklung erster Konzeptfahrzeuge bis hin zum Aufbau der gesamten Fertigung, oft weniger Zeit als ein deutscher Hersteller für die Realisierung eines einzelnen neuen Modells, wie z.B. Volkswagen für den Golf VIII.

Auch wenn die Schnelligkeit und Entscheidungsfreude der einzelnen Unternehmen eine wichtige Rolle spielt, wäre auch dies niemals ohne staatliche Förderung möglich. Die Politik versucht hier sehr strategisch einen auf die Zukunft ausgerichteten Automobilsektor in China zu schaffen.

Allen Beteiligten ist dabei bewusst, dass man den Vorsprung westlicher Firmem bei konventionellen Fahrzeugen nicht mehr aufholen wird. Stattdessen will man aber bei alternativen Antrieben vom Start weg in Führung gehen.

Um dies zu erreichen gab es die letzten Jahre einen klaren Fokus auf ein bestimmtes Antriebskonzept: vollelektrische Batterie-PKW — BEV(Battery-ElectricVehicles). Nicht zuletzt aufgrund des bereits vorhandenen Vorsprungs bei der Batterietechnologie, machte dies auch absolut Sinn.

In Deutschland scheint sich inzwischen ebenfalls das BEV als bevorzugter Technologieansatz durchzusetzen — interessanterweise genau in dem Augenblick, wo wir in China Hinweise sehen, dass sich die Dinge dort ändern: staatliche Förderungen für den Kauf von BEV werden zurückgefahren, Startups in dem Bereich haben plötzlich Schwierigkeiten Anschlussfinanzierungen abzuschliessen und auffällig oft wird nun ein alternativer Technikansatz in den Medien erwähnt: die Kombination von Wasserstoff(H2)und Brennstoffzellen — FCEV(FuelCell Electric Vehicle).

Der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang besuchte im Mai 2018 ein Toyota-Werkin Japan, wo ihm der Toyota Miraivorgeführt wurde — eines der wenigen existierenden FCEV-Modelle, die man heute tatsächlich kaufen kann. Was immer er dort sah, es hat ihn nachhaltig beeindruckt. Denn seitdem finden sich Wasserstoff und Brennstoffzellen immer öfter in staatlichen Planungsunterlagen.

Dabei sollte man aber nicht den Fehler machen zu glauben, China würde nun BEVs durch FCEVs ersetzen. Das wird mit Sicherheit nicht passieren, denn den Vorsprung im Batterie-Bereich will man mit Sicherheit nicht aufs Spiel setzen. Vielmehr wird man sich mit FCEV eine zweite Option schaffen, um frühzeitig Know-How auch bei dieser Technologie aufzubauen.

Und man kann davon ausgehen, dass China dabei, ähnlich wie Japan und Korea, das Thema Wasserstoff ganzheitlich angeht, denn allein für den Automobilbereich macht diese Technik wenig Sinn.

Stattdessen braucht es eine nationale Wasserstoff-Strategie, die folgende Fragen beantworten muss:

  • Wie kann der Wasserstoff CO2 neutral erzeugt werden?

  • Wie baut man ein weitreichendes und enges Distributionssystem auf?

  • Und wo gibt es H2-Nutzungsszenarien über den Fahrzeug-Bereich hinaus, z.B in der Industrie oder bei der Energieversorgung von Wohnhäusern?

In einem solchen Gesamtsystem würden FCEV sicherlich ihren Platz finden, vor allem im Nutzfahrzeugbereich, wo große, schwere Batterien wenig Sinn machen. Aber auch Schiffe, Züge und Flugzeuge könnten hier eventuell Wasserstoff zum Antrieb nutzen. All dies wäre ein grosser Schritt hin zur nachhaltigen Dekarbonisierung der gesamte Energieversorgung.

Wie man dies erreichen kann, darüber denken jetzt aktuell vermutlich eine ganze Reihe von Regierungsstellen in China sehr intensiv nach, um möglichst bald eine umfassende Strategie dafür zu präsentieren.

Genau hier sieht man aber einen großen Unterschied zwischen China(aberauch Japan oder Korea) und Deutschland — abseits von allen Differenzen im politischen System: denn hierzulande improvisiert jeder isoliert in seinem eigenen kleinen Silo — die einen mit sehr langem Anlauf auf der„NationalenPlattform Elektromobilität“, die anderen konzeptlos versprengt beim Kampf mit der Energiewende. Gemeinsam ein ganzheitliches Konzept zu erarbeiten, hält offensichtlich niemand für ein sinnvolles Vorgehen.

Anders in Asien: hier wird in so einem Fall ganz selbstverständlich ein übergreifendes und langfristig gedachtes Konzept erarbeitet und dann sehr konsequent, aber auch mit dem nötigen Pragmatismus, umgesetzt.

Womit sich auch die Antwort auf die Frage ergibt, was die sinnvollere Technologie ist — Batterie oder Wasserstoff? Wie so oft in China gilt auch hier: nicht“entweder,oder” sondern“sowohl,als auch” — aber eingebettet in eine kluge, strategisch durchdachte Konzeption.

Warum probieren wir so einen Ansatz eigentlich nicht mal in unserem Land aus?

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