Deutschland streitet noch über E-Autos, da plant China die nächste Auto-Revolution.

Batterie oder Wasserstoff — was ist die sinnvollere Auto-Technik? Die Antwort findet man in China!

(erschienen als Chinabriefs Kolumne bei Focus Online — DLDaily am 4.7.2019)

Der Bereich Elektromobilität ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie weit China inzwischen voraus ist: Während wir uns in Deutschland immer noch nicht sicher sind, ob E-Autos überhaupt Sinn machen und unsere Hersteller lieber mit der Politik über Voraussetzungen streiten, werden in China Fakten geschaffen:

  • Seit fast 10 Jahren sind dort viele Zweiräder bereits elektrisch unterwegs, inzwischen rund 30 Millionen. Dadurch sind die Strassen für asiatische Verhältnisse erstaunlich ruhig — teilweise gefährlich ruhig.

  • Während es in den ganzen USA nur 300 Busse mit Elektroantrieb gibt, sind in China bereits 421.000 in Betrieb. Das südchinesische Shenzhen hatte bereits 2017 als erste Stadt weltweit sämtliche 16.000 Busse ausgetauscht. Dieses Jahr waren alle 21.000 Taxis dran.

  • Gleichzeitig testet man auch ganz neue Verkehrskonzepte, etwa eine elektrische Straßenbahn, die ohne Schienen auskommt, weil sie wie ein Bus auf Reifen fährt. Das 32 Meter lange Fahrzeug kann 300 Passagiere aufnehmen und macht es möglich, die geringen Kosten und hohe Flexibilität eines Busses mit der höheren Kapazität eines Zuges zu kombinieren.

Die Geschwindigkeit mit der sich diese Entwicklung vollzieht, ist natürlich zum großen Teil direkte Folge des autoritären politischen Systems. Ebenso die oft unbegrenzt scheinenden finanziellen Mitteln, die der Staat zur Verfügung stellt, sobald ein bestimmter Industriezweig gezielt aufgebaut werden soll. Trotzdem müssen sich westliche Unternehmen an dieser Dynamik messen lassen, wenn sie im Wettbewerb nicht zurück fallen wollen.

Besonders hoch ist der Innovationsdruck im PKW-Bereich, wo in China aktuell hunderte kleinerer und grösserer Startups versuchen, neue vollelektrische Automobil-Marken an den Start zu bringen. Diese brauchen von der initialen Finanzierung über die Entwicklung erster Konzeptfahrzeuge bis hin zum Aufbau der gesamten Fertigung, oft weniger Zeit als ein deutscher Hersteller für die Realisierung eines einzelnen neuen Modells, wie z.B. Volkswagen für den Golf VIII.

Auch wenn die Schnelligkeit und Entscheidungsfreude der einzelnen Unternehmen eine wichtige Rolle spielt, wäre auch dies niemals ohne staatliche Förderung möglich. Die Politik versucht hier sehr strategisch einen auf die Zukunft ausgerichteten Automobilsektor in China zu schaffen.

Allen Beteiligten ist dabei bewusst, dass man den Vorsprung westlicher Firmem bei konventionellen Fahrzeugen nicht mehr aufholen wird. Stattdessen will man aber bei alternativen Antrieben vom Start weg in Führung gehen.

Um dies zu erreichen gab es die letzten Jahre einen klaren Fokus auf ein bestimmtes Antriebskonzept: vollelektrische Batterie-PKW — BEV(Battery-ElectricVehicles). Nicht zuletzt aufgrund des bereits vorhandenen Vorsprungs bei der Batterietechnologie, machte dies auch absolut Sinn.

In Deutschland scheint sich inzwischen ebenfalls das BEV als bevorzugter Technologieansatz durchzusetzen — interessanterweise genau in dem Augenblick, wo wir in China Hinweise sehen, dass sich die Dinge dort ändern: staatliche Förderungen für den Kauf von BEV werden zurückgefahren, Startups in dem Bereich haben plötzlich Schwierigkeiten Anschlussfinanzierungen abzuschliessen und auffällig oft wird nun ein alternativer Technikansatz in den Medien erwähnt: die Kombination von Wasserstoff(H2)und Brennstoffzellen — FCEV(FuelCell Electric Vehicle).

Der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang besuchte im Mai 2018 ein Toyota-Werkin Japan, wo ihm der Toyota Miraivorgeführt wurde — eines der wenigen existierenden FCEV-Modelle, die man heute tatsächlich kaufen kann. Was immer er dort sah, es hat ihn nachhaltig beeindruckt. Denn seitdem finden sich Wasserstoff und Brennstoffzellen immer öfter in staatlichen Planungsunterlagen.

Dabei sollte man aber nicht den Fehler machen zu glauben, China würde nun BEVs durch FCEVs ersetzen. Das wird mit Sicherheit nicht passieren, denn den Vorsprung im Batterie-Bereich will man mit Sicherheit nicht aufs Spiel setzen. Vielmehr wird man sich mit FCEV eine zweite Option schaffen, um frühzeitig Know-How auch bei dieser Technologie aufzubauen.

Und man kann davon ausgehen, dass China dabei, ähnlich wie Japan und Korea, das Thema Wasserstoff ganzheitlich angeht, denn allein für den Automobilbereich macht diese Technik wenig Sinn.

Stattdessen braucht es eine nationale Wasserstoff-Strategie, die folgende Fragen beantworten muss:

  • Wie kann der Wasserstoff CO2 neutral erzeugt werden?

  • Wie baut man ein weitreichendes und enges Distributionssystem auf?

  • Und wo gibt es H2-Nutzungsszenarien über den Fahrzeug-Bereich hinaus, z.B in der Industrie oder bei der Energieversorgung von Wohnhäusern?

In einem solchen Gesamtsystem würden FCEV sicherlich ihren Platz finden, vor allem im Nutzfahrzeugbereich, wo große, schwere Batterien wenig Sinn machen. Aber auch Schiffe, Züge und Flugzeuge könnten hier eventuell Wasserstoff zum Antrieb nutzen. All dies wäre ein grosser Schritt hin zur nachhaltigen Dekarbonisierung der gesamte Energieversorgung.

Wie man dies erreichen kann, darüber denken jetzt aktuell vermutlich eine ganze Reihe von Regierungsstellen in China sehr intensiv nach, um möglichst bald eine umfassende Strategie dafür zu präsentieren.

Genau hier sieht man aber einen großen Unterschied zwischen China(aberauch Japan oder Korea) und Deutschland — abseits von allen Differenzen im politischen System: denn hierzulande improvisiert jeder isoliert in seinem eigenen kleinen Silo — die einen mit sehr langem Anlauf auf der„NationalenPlattform Elektromobilität“, die anderen konzeptlos versprengt beim Kampf mit der Energiewende. Gemeinsam ein ganzheitliches Konzept zu erarbeiten, hält offensichtlich niemand für ein sinnvolles Vorgehen.

Anders in Asien: hier wird in so einem Fall ganz selbstverständlich ein übergreifendes und langfristig gedachtes Konzept erarbeitet und dann sehr konsequent, aber auch mit dem nötigen Pragmatismus, umgesetzt.

Womit sich auch die Antwort auf die Frage ergibt, was die sinnvollere Technologie ist — Batterie oder Wasserstoff? Wie so oft in China gilt auch hier: nicht“entweder,oder” sondern“sowohl,als auch” — aber eingebettet in eine kluge, strategisch durchdachte Konzeption.

Warum probieren wir so einen Ansatz eigentlich nicht mal in unserem Land aus?

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Bücher, Tipps & Links rund um das Thema “China verstehen“

Nachdem ich jahrelang in die USA "gepilgert" bin, wenn ich mal einen Blick in die Zukunft werfen wollte, geht es nächste Woche mit dem Inside China Summit von dgroup & Accenture zum ersten Mal nach China. Bin schon sehr gespannt auf ein Land, das in der Zeitspanne, die wir brauchen um ein überschaubares, 30 Jahre altes ICE-Netz zu erneuern, zehntausende Kilometer Highspeed-Rail-Netzwerk aus dem Boden stampft... sich die Technologie dafür "zusammenklaut" und dann daraus Züge baut, die doppelt so schnell fahren, wie bei uns... und das sogar mit funktionierenden Toiletten!! Irre!!!

#1 Land verstehen.

Um mich auf die Reise vorzubereiten habe ich nach interessanten Büchern gesucht und dabei ein recht neues gefunden, das den etwas öden Titel "Die Chinesen" trägt und ein mindestens ebenso langweiliges Cover hat.

Davon sollte man sich aber nicht täuschen lassen: auf den rund 400 Seiten erfährt man zwar nichts zu AI, Blockchains oder Quantencomputer - dafür aber sehr viel zu KonfuzianismusDaoismusLegalismus und all die historischen & philosophischen Grundlagen, die man kennen sollte, um die Hintergründe in China verstehen zu können. Auch wenn die Themen etwas trocken klingen, ist es recht kurzweilig geschrieben - man kommt schnell durch und lernt eine Menge!

#2 Sprache verstehen.

Irre ist in China auch die Sprache! Um eine Zeitung lesen zu können muss man mindestens 8.000 Schriftzeichen auswendig lernen und chinesische Wörter bestehen aus nur 1 bis 3 Silben, die man aber jeweils auf 4 verschiedenen Weisen aussprechen kann - womit sich die Bedeutung jedes Mal komplett ändert: das Wort "ma" kann so je nach Aussprache z.B. Pferd, Nummer, fluchen oder Mutter heissen. 🤯

Das wirklich zu lernen dauert etwas länger, aber Aufbau und Struktur, sowie ein paar Grundlagen der chinesischen Sprache verstehen, geht deutlich schneller - z.B. mit einem Hörbuch vom SWR.

In etwa 70 Lektionen, die jeweils nur 2-3 Minuten dauern, unterhalten sich eine chinesische Lehrerin und ein Sprachwissenschaftler mit jemandem der keine Ahnung hat über das Thema "Sprache in China" und bringen ihm so einiges bei - mir praktischerweise auch. In rund 4 Stunden kann man damit ganz nebenbei ein paar Grundlagen aufnehmen.

#3 Unternehmen verstehen.

Den letzten Buchtipp verdanke ich Harald Fortmann: er hatte mich im Juni zu einer Veranstaltung mit Wolfgang Hirn (Reporter, Buchautor und China-Experte) eingeladen und der hatte praktischerweise sein neuestes Buch dabei.

In den sechs Kapiteln von Chinas Bosse erfährt man sowohl Grundlegendes zur chinesischen Wirtschaft, als auch viele interessante Details zu zahlreichen Unternehmen aus den verschiedensten Branchen - inklusive biografischer Anekdoten zu den Gründern und Managern dieser Firmen.

Auch ganz interessant.

Neben diesen drei Büchern habe ich mir auch "The One Hour China Book: Two Peking University Professors Explain All of China Business in Six Short Stories" und "Business-Kultur in China: China-Expertise in Werten, Kultur und Kommunikation" angeschaut.

Ausserdem hatte mir Wolfgang Hirn noch den täglichen "Sinocism China Newsletter" von Bill Bishop empfohlen, von dem es auch eine kostenfreie, wöchentliche Variante von Axios gibt.

Auf Twitter habe ich mir dann noch eine Liste mit interessanten Twitter-Accounts von China-Experten gebaut über die man sich ganz gut über Aktuelles auf dem Laufenden halten kann.

Damit fühle ich mich schon mal recht gut vorbereitet. Aber falls jemand noch andere Tipps, Links oder Bücher hat, die man kennen sollte, würde ich mich über einen Hinweis in den Kommentaren sehr freuen!

Bis dahin sage ich jetzt einfach mal 我期待着在中国激动人心的时刻!🇨🇳 👍 😉

Update Dezember 2018 - Inzwischen habe ich noch zwei sehr aktuelle Bücher gefunden, die man sich auch mal anschauen sollte: