Die Nachrichten fressen ihre Mutter

Gestern Abend hatte ich das zweifelhafte Vergnügen investigativen Fernsehjournalismus auf Weltniveau miterleben zu dürfen: Eva Herman zu Gast bei Johannes B. Kerner. Ganz grosses Tennis - ganz grosse Einschaltquoten!

Normalerweise schaue ich JBK nicht (von Ausnahmen abgesehen). Ich zahle nur dafür. Aber bei der liebevoll arrangierten Vorberichterstattung, die den ganzen Abend auf mich einhämmerte, fiel es mir schwer nicht einzuschalten. So sass ich also in der ersten Reihe, als das absurde Theater seinen Vorhang lüftete und blieb bis der Gaststar unter mühsamem Applaus die Bühne verliess. Warum ich das, was dazwischen passierte als ziemlich absurd empfand, erklärt der Medienblogger recht treffend:

(...) Was im ZDF an diesem Abend geschieht ist seltsam. Denn der Punkt, und das wird auch am Anfang durch ein entsprechendes Tondokument klar gemacht, ist der folgende: Eva Herman hat (anders in den Medien und auch auf diesem Weblog berichtet) nicht die Familienpolitik der Nazis gelobt: Im Gegenteil, (...)

Was sie gesagt hatte, war nichts anderes als folgendes: Zuerst haben die Nazis das Familienbild missbraucht und damit entwertet, was dazu führte, dass auch die 68er sich mit den Werten vor dem Nationalsozialismus nicht mehr identifizieren konnten und wollten und das klassiche Familienbild ablehnten. Das geht eigentlich unmissverstädnlich aus dem Originalzitat von Eva Herman hervor. (...)


Nun bin ich sicher kein Fan von Eva Herman und die arrogante, ungeschickte Art und Weise, mit der sie sich in der Sendung um Kopf und Kragen redete (Hat jemand “Autobahn” gesagt?), war sicher wenig hilfreich. Aber trotzdem darf man sich schon wundern, was es da gestern zu sehen gab: Man unterstellte gleich zu Beginn etwas, was man kurz darauf mit Hilfe der Originalquelle widerlegte, ignorierte dies dann aber völlig und ging für den Rest der Diskussion einfach weiter von der falschen Unterstellung vom Anfang aus...!? Zusätzlich setzte man die gute Eva in eine Runde von Leuten, deren starke Seite sicherlich nicht die ruhige Reflexion von Fakten ist. Und zack: plötzlich sitzt der staunende Zuschauer vor einer Art Jerry Springer Show für Nichtarbeitslose... Gebührenfinanziertes Fernsehen vom Feinsten!

Aber damit des Absurden nicht genug: unterstellen wir mal, dass das Ganze auf Hermans Seite keine reine “Promotionprovokation” war. Ist sie dann etwa tatsächlich so erschrocken darüber, dass die deutschen Medien von BILD bis TAZ - sozusagen wie gleichgeschaltet (ups) - statt einer ruhigen Faktenanalyse sich lieber über falsche Unterstellungen hermachen, weil das viel unterhaltsamer ist? Kann sie wirklich so naiv sein?

Dass einer wie z.B. damals Florian Gerster - die Älteren werden sich erinnern - erstaunt ist, wenn plötzlich die Presse zur Meute wird, kann ich noch verstehen. Aber wenn jemand, der jahrelang in der Tagesschau "Zettel" wie diesen hier vorgelesen hat, jetzt auf einmal beklagt, dass nicht immer stimmt, was da drauf steht, dann treibt das die Absurditäten irgendwie echt auf die Spitze.

Ich mein, auch wenn es traurig ist, aber that's what we call the News, right?



Dazu passend: Stefan Niggemeier - Der letzte Auftritt von Eva Herman.