Buchtour - Teil 2: Chancen und Potenziale neuer Publikationsformen

Lassen Sie uns für den folgenden Teil einmal die Betrachtungen auf Fachpublikationen beschränken. Im Gegensatz zu Belletristik liest man Fachbücher ja vor allem aus einem Grunde: um schnell Wissen aufzunehmen. Dafür ist das haptische Erlebnis des Lesens eines realen Buch - anders als vielleicht beim einem Roman - ja nicht unbedingt notwendig.

Sehen Sie die Möglichkeit, dass neue Publikationsformen, z.B. eBooks, schnell und kostengünstig vertrieben über das Internet, hier zukünftig an Bedeutung gewinnen werden ? Welche Chance könnten Sich daraus für Autoren ergeben, die ihre eigenen Werke selbst vertreiben möchten ?


Im Thema E-Books stecken verlockende Möglichkeiten. E-Books sind mit weniger Produktionskosten und verschwindend geringen Vertriebskosten belastet, so dass Autoren und Verlage diese Publikationen preiswerter anbieten können und dennoch vernünftige Erträge erwirtschaften können.

Der Verlag Business Village bietet Fachbücher ja als E-Books und gebundene Bücher an. Ich persönlich habe lieber die E-Book-Version bezogen, weil sie im Handumdrehen da ist. Inwieweit das Angebot der E-Books dort angenommen wird, kann ich allerdings nicht sagen.

Das derzeit größte Potential haben E-Books noch als flankierende Maßnahme. Ich habe parallel zu meinem ersten Titel "Werbung mit kleinem Budget" ein kostenloses E-Book herausgebracht, das Adressen von Beratern, Agenturen etc. enthielt, die sich auf Werbung für kleine Budgets spezialisert haben. Das wurde innerhalb der ersten Wochen 3.000 mal herunter geladen, bislang mehr als 10.000 mal von meiner Website und vermutlich in ähnlicher Stückzahl von anderen Websites, die es zum Download bereit stellten. Gestern berichtete ich über Beispiele, E-Books kostenlos und ihr gedrucktes Äquivalent kostenpflichtig anzubieten – offenbar ohne Nachteil, sondern mit großem Vorteil für die Nachfrage nach dem Printtitel.

Unklar ist mir, ob die Akzeptanz im deutschsprachigen Raum bereits vorhanden ist, E-Books kostenpflichtig zu beziehen. Würden sich E-Books durchsetzen, wäre das Thema Eigenvertrieb sehr viel einfacher.

Vielleicht liegt es auch daran, dass es bis heute an überzeugenden Titeln in deutscher Sprache mangelt. Ich weiss z.B., dass der erste Titel des amerikanischen eBook-Verlages TakeControl innerhalb weniger Wochen über 10.000 Mal verkauft wurde - auch recht oft nach Deutschland. Grundsätzliche Hindernisse gibt es also wohl nicht, auch wenn es hierzulande ja leider immer etwas länger dauert, bis neue Entwicklungen voll akzeptiert werden.

Ein anderer Punkt, der mich in diesem Zusammenhang sehr interessiert, ist die Form der elektronischen Publikation.

Die ersten Versuche nutzten hierfür extrem schlecht konzipierte, eigene Lesegeräte, wie das Gemstar eBook, die schnell scheiterten. Nun beginnen sich immer mehr Datenformate wie Adobes PDF als Standard zu etablieren. Diese werden aber genutzt, um Inhalte genauso zu transportieren, wie man das vom Buch her gewöhnt ist (z.B. hochkant, im DIN A4 Format). Die Eigenarten des neuen Trägermediums (z.B. das Querformat bei einem Laptop) bleiben dabei unberücksichtigt.

Welche Trends sehen Sie in diesem Bereich ? Wird es nicht mit der Zeit ganz neue Formate geben müssen, die sich in Form und Gestaltung vom klassischen Buch deutlich lösen werden und speziell auf die Vor- und Nachteile der neuen Medien abgestimmt sind ?


In der Tat sind wir bei neuen ans Medium und seine Möglichkeiten angepassten Formaten nicht besonders weit und kleben noch am klassischen Buch. Erst vor wenigen Tagen hat Russel Beattie die Idee vorgestellt, Bücher in Teilen als RSS feed anzubieten. Das ist zunächst keine schlechte Idee, oder?. In UK gibt es eine Buchreihe die heißt "...In A Week." Es sind schmale Bändchen, die suggerieren, das man sich ein Thema in einer Woche erschließen kann, jeden Tag ein Kapitel. Natürlich kann man die Kapitel auch über feeds bereitstellen.

Da nutzen wir zwar das Medium als Übertragungsweg, aber die Inhalte werden in ihrer Aufbereitung nicht wesentlich verändert.

Bereits häufiger sieht man Ansätze, Aktualisierungen etwa in Form von Fußnoten zu einem Buch ins Netz zu stellen: der Vorteil ist, dass ein Buch dadurch aktuell bleibt und über eine Website, die Leserschaft gebunden werden kann. Also eine Art, das gedruckte Buch mit einer Website aufzuwerten.

Und dann die Handyfraktion: Ich finde es auch nicht so spannend, Romane per SMS anzubieten und dann auf Mini-Displasy zu lesen. Aber wenn etwa regionale Literatur location-based auf dem Handy erzählt werden kann, liegt eine medienadäquatere Angebotsform vor.

Tiefgreifende Veränderungen gibt es wohl nur, wenn die Möglichkeiten die Software bietet, mit den Inhalten des Fachbuchs verknüpft wird. Etwa wenn ein solches elektronisches Buch, entsprechend Lernfortschritten, oder Tags, die gesetzt werden (analog der Eselsohren) selbständig Nutzungswege vorschlagen oder ergänzende Informationen bereithalten kann. Unter Umständen präsentiert sich ein Fachbuch dann jedem Nutzer anders, baut sich in Häppchen zusammen, die dem Leser und seinem Informationsbedürfnis und Wissensstand angepasst sind. Dies erscheint mir wahrscheinlich, denn wir werden solch eine Wandlung in der Mediennutzung generell erleben – weg von Programmstrukturen, weg von linearen Nutzungswegen hin zu on-demand Angeboten, die sich eben nichtlinear nutzen lassen.

Ja, das denke ich auch. Darüber hinaus werden sicher ebenfalls Dinge wie Volltextsuche oder Verlinkung von Quellen und Bezügen, die heute im Web ja schon üblich sind, auch in solche Fachbücher der Zukunft Einzug halten, so dass man direkt auf Inhalte zugreifen kann, die in der jeweiligen Publikation erwähnt werden.

Aber neben diesen Zukunftsvisionen gibt es ja auch heute schon ganz konkrete interessante neue Publikationsformen, wie z.B. die sogenannten Manifestos, welche ChangeThis seit einigen Monaten in großer Zahl publiziert. Kurze Dateien, welche von Anfang an für das Lesen am Bildschirm konzipiert sind und die Aufnahme von Wissen in sehr kurzer Zeit ermöglichen. Ein vollständiges Fachbuch können sie natürlich nicht ersetzen. Aber um sehr kompakt ein bestimmtes, sehr spezielles Thema zu behandeln, durch aus interessant. Auch eine gute Alternative z.B. zum klassischen Herausgeberwerk, welches viele kurze Aufsätze in einem Buch zusammenfasst.

Was halten Sie von solchen Entwicklungen ?


Ich finde die Idee der Manifestos hervorragend. Es macht Spaß, die Thesen zu lesen und ich genieße die gute visuelle Aufbereitung der Manifestos. Zusammen mit der Übersetzerin Christine Holtz-Stosch habe ich ja deutsche Übersetzungen einiger dieser Manifestos hier und hier angeboten – allerdings nicht mehr wie ursprünglich als PDF, sondern als Weblog-Eintrag.

Seth Godin hat in der Vermarktung seiner Bücher erkannt, wie wirksam diese E-Books/PDF-Dokumente sein können, weil sie sich so einfach verbreiten lassen. Innovativ sind die aber nicht. Das PDF ist ein Druckersprachenformat, in das man mittlerweile z.B. klickbare Links einbinden kann, mehr aber auch nicht.

Sicher, PDFs allein sind keine Innovation. Sie sind nur Mittel zum Zweck, um Inhalte optisch sauber aufbereitet über verschiedene Betriebsysteme hinweg verbreiten zu können. Das war vorher ja kaum möglich. Was die Manifestos aus meiner Sicht so interessant macht, ist aber nicht die Tatsache, dass sie als PDFs vorliegen. Viel spannender finde ich es, dass hier zum ersten Mal "echte" eBooks entstehen, bei denen man nicht mehr das dringende Bedürfnis hat, sie auszudrucken, wenn man sie lesen will.

Die heutigen eBooks sehen im Gegensatz dazu ja immer noch aus, wie konventionelle Bücher, die zufällig in digitaler Form vorliegen: Schwarz-Weiss, Hochformat, hoher Seitenumfang etc. Häufig werden so die Nachteile eines digitalen Mediums mit den Nachteilen eines papiergebundenen Buches kombiniert - ohne die Vorteile wirklich zu nutzen. Das hier die Akzeptanz fehlt ist kein Wunder.

eBooks die ich mir wünsche, sind eher gestaltet wie eben Godins Manifestos: Querformat, Bunt, Hyperlinks, grosse Schrift, etc. alles eben darauf ausgelegt, sie am Bildschirm lesen zu können - und zu wollen ! Das heutige Problem der Akzeptanz dürfte sich damit lösen. Daneben kann und sollte bei solchen Formaten auch der Seitenumfang deutlich kleiner sein, als bei normalen Büchern; was bei vielen Themen ja durchaus von Vorteil ist und nicht nur die Aufnahme, sondern auch das Schreiben solcher Veröffentlichungen deutlich einfacher und schneller machen wird.

Ich denke, wenn sich derartige Publikationsformen erst einmal etabliert haben, könnten diese zum perfekten Medium für Fachautoren werden, die ihr Wissen in hochspezialisierten eBooks schnell und direkt vermarkten möchten...


Das perfekte Fachbuch sieht für mich eher so aus:
"Remember in the Matrix where Trinity had to fly a helicopter and Neo said, "Do you know how to fly that thing?" and she said, "Not yet..."? She made a phone call and that was it. The knowledge was uploaded straight into her brain. We're not quite there. But we're a hell of a lot closer than we were before." Gefunden bei wickedlysmart, deren Ziel es ist gehirn-gerechte Bücher zu machen.

Auf jeden Fall ein extrem gutes Konzept für ein Fachbuch! Aber halt doch eher für ein echtes Buch, denn mit 676 Seiten wäre es für ein eBook-Format relativ ungeeignet. Schauen wir mal, welche Entwicklungen es hier in der Zukunft noch geben wird.

Weiter geht es mit dem dritten und letzten Teil...